Windkraftdebatte im Mühlviertel: Warum der Schutz der letzten intakten Natur über allem steht.
Es rumort weiter im Mühlviertel: In Zeiten der dramatisch kollabierenden Biodiversität darf der Schutz der verbliebenen natürlichen Lebensräume kein Verhandlungsmasse mehr sein – er ist eine existentielle Überlebensfrage für uns alle. Die Bürgerinitiative Sandl etwa bekennt sich klar zum naturverträglichen Ausbau erneuerbarer Energien. Dennoch lehnt sie den geplanten XXL-Windpark Sandl mit bis zu 19 riesigen Anlagen von 285 Metern Höhe entschieden ab.
„Die bloße Anwesenheit dieser Anlagen hat einen weitaus größeren Einfluss, als man denkt. Die Natur hat wirklich Vorrang. Punkt.“
Mitten im Freiwald, einem der letzten biodiversitätsreichen Rückzugsräume des Mühlviertels und wichtigen Teil des Europäischen Grünen Bands, würde ein solches Projekt nicht nur Landschaft und Lebensräume industrialisieren, sondern langfristig ganze Ökosysteme unbrauchbar machen. „Die bloße Anwesenheit dieser Anlagen hat einen weitaus größeren Einfluss, als man denkt“, warnt der renommierte Verhaltensbiologe Univ.-Prof. i.R. Mag. Dr. Kurt Kotrschal. Der Freiwald droht zu einem Symbol dafür zu werden, wie eine kurzsichtige Energiewende die Grundlagen unseres eigenen Überlebens gefährdet.
Die Kritik am Projekt ist breit, grenzüberschreitend und wissenschaftlich fundiert. Die Tschechische Republik beteiligt sich offiziell am UVP-Verfahren und fordert Alternativvarianten mit größerer Distanz zur Grenze. Die Oö. Umweltanwaltschaft, gestützt durch EU-Beschwerden, sieht Sandl als klare Ausschlusszone und plädiert für neue Schutzgebiete für Luchs und seltene Waldvögel. Auch große Teile der Oö. Landespolitik 2024, BirdLife Österreich, der Naturschutzbund OÖ, das Grüne Band Österreichs und die tschechische Organisation Krajina Novohradska positionieren sich klar dagegen. Über 3.700 Bürger aus Österreich und Tschechien unterstützen die Petition der Initiative. Das Gebiet liegt zudem in den Tabuzonen des Windmasterplans 2017 – ein Widerspruch, der nicht ignoriert werden darf.
„Es gibt keine Unterteilung zwischen ‚guter‘ und ‚schlechter‘ Umweltzerstörung. Windkraftwerke machen gerade im Wald- und Bergland oft mehr kaputt, als sie bringen. Der Zweck darf auch hier niemals die Mittel heiligen, selbst, wenn dieser ein „grünes“ Mascherl hat.“
In einem exklusiven Videointerview, das die Bürgerinitiative am 18. April 2026 veröffentlichte, begründet Kurt Kotrschal eindringlich, warum der Freiwald als Tabuzone gelten muss. Wir leben in einer Zeit des kollabierenden Biodiversitätsverlusts, mahnt der ehemalige Leiter der Konrad-Lorenz-Forschungsstelle: „Wir vergessen, dass wir uns eigentlich selbst in Gefahr bringen.“ Der bloße Bau aus lokalen wirtschaftlichen Interessen sei unverantwortlich. „Die Natur hat wirklich Vorrang. Punkt.“ Kotrschal lobt die fachlich differenzierte Haltung der Bürgerinitiative und macht deutlich, dass es hier weit mehr geht als um „ein paar Vögel“ oder eine schöne Aussicht: Es geht um die Abwehr einer schleichenden Selbstgefährdung der Menschheit.
Auch von der Partei MFG gibt es heftige Kritik: „Man zerstört die Natur, um die Natur zu schützen. Finde den Fehler“, kritisiert MFG-Landesparteiobmann Joachim Aigner, der an der Seite der Bürgerinitiativen steht. „Es gibt keine Unterteilung zwischen ‚guter‘ und ‚schlechter‘ Umweltzerstörung. Windkraftwerke machen gerade im Wald- und Bergland oft mehr kaputt, als sie bringen. Der Zweck darf auch hier niemals die Mittel heiligen, selbst, wenn dieser ein „grünes“ Mascherl hat.“

Der Freiwald steht exemplarisch für einen fatalen Zielkonflikt: Eine Energiewende, die intakte Natur nicht mehr als wertvollen Partner, sondern als Hindernis betrachtet, zerstört genau jene Systeme, die uns langfristig tragen. Statt die letzten zusammenhängenden, störungsarmen Wald- und Moorlandschaften zu opfern, braucht es eine echte Priorisierung – Windkraft ja, aber nur dort, wo sie keine irreversiblen Schäden an der Biodiversität verursacht. Der Erhalt solcher Hotspots ist kein romantischer Luxus, sondern die notwendige Grundlage für eine wirklich nachhaltige Zukunft.
Die Bürgerinitiative Sandl ruft weiter zur Unterstützung ihrer Petition auf. Es ist höchste Zeit, dass Politik und Projektbetreiber diese klaren wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Signale ernst nehmen und die Natur endlich als das behandeln, was sie ist: unverhandelbar wertvoll.


