92 Prozent leben gerne in Linz – mit dieser erfreulichen Zahl präsentiert die Stadt die Ergebnisse ihrer großen Bürgerbefragung. Doch hinter dem starken Gesamtwert verbergen sich einige Warnsignale. Besonders deutlich ist eines: Bei der ärztlichen Versorgung wächst der Frust. Vor allem Kassenärzte werden in Linz zunehmend zur Mangelware.
Fast 9.000 Linzer beteiligten sich an der ersten großen Bürgerbefragung seit 2017. Das grundsätzliche Bekenntnis zur Stadt fällt dabei eindeutig aus: 92 Prozent leben gerne in Linz, 81 Prozent gerne in ihrem eigenen Stadtteil. Doch „gerne in Linz leben“ bedeutet offenbar nicht automatisch, mit der Entwicklung der Stadt zufrieden zu sein. Nur 63 Prozent beurteilen die derzeitige Entwicklung von Linz positiv oder eher positiv. Rund jeder Dritte sieht die Entwicklung hingegen negativ. Auch die Zufriedenheit mit dem eigenen Stadtteil ist gegenüber früheren Befragungen geringfügig gesunken.
Ärzte werden zum Sorgenkind
Besonders auffällig ist die Entwicklung bei einem Bereich, der für die Lebensqualität wesentlich entscheidender ist als manches Prestigeprojekt: die medizinische Grundversorgung. Nur noch 53 Prozent der Befragten sind mit der Versorgung durch praktische Ärzte zufrieden oder sehr zufrieden. Rund 22 Prozent sind unzufrieden oder sehr unzufrieden.
Die Stadt selbst räumt ein, dass die Unzufriedenheit gegenüber früheren Befragungen „auffallend zugenommen“ hat. Noch schlechter fällt das Urteil bei den Fachärzten aus: Hier sind lediglich 43 Prozent zufrieden, während knapp 25 Prozent unzufrieden sind. Damit erreicht nicht einmal mehr jeder zweite Befragte bei der fachärztlichen Versorgung eine positive Bewertung.
Dass diese Unzufriedenheit nicht nur subjektiv ist, zeigen auch die Zahlen hinter dem Ärztesystem. Nach den vorliegenden Daten waren mit Stichtag 30. Juni in Linz acht Kassenarztstellen unbesetzt: fünf in der Allgemein- und Familienmedizin, zwei in der Frauenheilkunde und eine im Bereich Haut- und Geschlechtskrankheiten.
Aktuelle Ausschreibungen der Ärztekammer zeigen zudem, wie schwierig die Nachbesetzung teilweise geworden ist: Für mehrere Linzer Kassenstellen gab es zuletzt überhaupt keine oder keine gültige Bewerbung – darunter Stellen in der Allgemeinmedizin, Frauenheilkunde und Dermatologie.
Viele Ärzte – aber wenige mit Kassenvertrag
Noch deutlicher wird das strukturelle Problem beim Blick auf die gesamte Ärztestatistik. Anfang 2026 waren in Linz 834 niedergelassene Ärzte registriert. Doch lediglich 287 verfügten über einen Kassenvertrag, 547 arbeiteten ohne einen solchen. Damit haben nur rund 34 Prozent der niedergelassenen Ärzte einen Kassenvertrag.
Bei den Allgemeinmedizinern waren von 203 niedergelassenen Ärzten 85 mit Kassenvertrag registriert. Besonders drastisch ist das Verhältnis etwa in der Inneren Medizin: Von 66 niedergelassenen Ärzten hatten laut Stadtstatistik lediglich 13 einen Kassenvertrag. Für Patienten bedeutet ein großes Ärzteangebot daher nicht automatisch einen unkomplizierten Zugang zu medizinischer Versorgung auf Krankenschein.
MFG fordert Stärkung der Kassenärzte
Kritik am bestehenden System kommt auch von der MFG. Landesparteiobmann Joachim Aigner warnt seit längerem vor Fehlentwicklungen im Gesundheitswesen und fordert anstelle kurzfristiger Reparaturmaßnahmen grundlegende Reformen. Dazu gehören eine bessere Honorierung der Ärzte und vor allem eine gezielte Stärkung der klassischen Kassenärzte.
Die aktuellen Linzer Zahlen verleihen dieser Forderung zusätzliche Brisanz: Von 834 niedergelassenen Ärzten verfügen lediglich 287 über einen Kassenvertrag. Gleichzeitig waren zuletzt acht Kassenarztstellen in Linz unbesetzt. Für Patienten wird damit zunehmend entscheidend, nicht ob es grundsätzlich genügend Ärzte gibt, sondern ob diese auch auf Krankenschein behandeln.
MFG sieht zudem ein grundsätzliches Strukturproblem: Trotz ständig steigender Ausgaben im Gesundheitsbereich komme die zusätzliche Finanzierung aus ihrer Sicht zu wenig bei der tatsächlichen Versorgung der Bevölkerung an. Gefordert wird deshalb eine grundlegende Neuausrichtung des Systems und mehr Mittel dort, wo Patienten unmittelbar medizinische Versorgung benötigen. Oder kurz gesagt: „Während Milliarden durch das Gesundheitssystem fließen, wird der Kassenarzt vor der Haustür zunehmend zur Mangelware.“
Auch bei Sauberkeit ist noch Luft nach oben
Auch einige von der Stadt positiv hervorgehobene Ergebnisse wirken bei genauerem Hinsehen weniger überwältigend. Die Sauberkeit wird laut Rathaus „mehrheitlich positiv bewertet“. Bei Grünflächen und Parks im Wohngebiet sind allerdings nur 61 Prozent zufrieden oder sehr zufrieden, bei Gehsteigen, Straßen und Plätzen rund 60 Prozent. Selbst bei der von der Stadt besonders hervorgehobenen „Sauberkeit der Luft“ liegt die Zufriedenheit lediglich bei 54 Prozent.
Nur 15 Prozent machten überhaupt mit
Auch die Aussagekraft der Befragung sollte eingeordnet werden. Rund 58.500 Linzer ab 16 Jahren wurden eingeladen, tatsächlich teilgenommen haben 8.919 Personen. Das entspricht einer Beteiligungsquote von rund 15 Prozent. Es handelt sich damit um ein umfangreiches Stimmungsbild der Teilnehmer, aber nicht um eine Abstimmung der gesamten Linzer Bevölkerung.
Unterm Strich liefert die Bürgerbefragung daher zwei durchaus unterschiedliche Bilder: Die große Mehrheit lebt grundsätzlich gerne in Linz und fühlt sich mit ihrer Stadt verbunden. Gleichzeitig sieht rund ein Drittel die Entwicklung der Stadt kritisch – und ausgerechnet bei einem der elementarsten Bereiche des täglichen Lebens schrillen die Alarmglocken.



