Künstliche Intelligenz und Cloud-Dienste lösen einen gewaltigen Boom bei Rechenzentren aus. Auch Österreich wird zunehmend zum Standort riesiger Datenfabriken. Rund 50 kommerziell betriebene Rechenzentren gibt es bereits, die Kapazität könnte sich bis 2030 verdoppeln oder sogar verdreifachen. Das bedeutet Milliardeninvestitionen – aber auch gewaltigen zusätzlichen Bedarf an Strom, Netzen, Wasser und Flächen. Während einzelne Bundesländer und andere Staaten längst Regeln aufstellen, hinkt Österreich mit einer bundesweiten Strategie hinterher. Kritik von den Parteien kommt kaum, lediglich MFG OÖ stellt Fragen.

Rechenzentren sind die Fabriken des digitalen Zeitalters. Google-Suche, Streaming, Cloud-Dienste und insbesondere künstliche Intelligenz benötigen immer größere Mengen an Rechenleistung. Und KI verschärft diese Entwicklung massiv: Moderne Modelle führen Milliarden bis Billionen Rechenoperationen aus und benötigen dafür hoch spezialisierte, energiehungrige Hardware.

Der Boom ist längst in Österreich angekommen. Rund 50 kommerziell betriebene Rechenzentren stehen bereits im Land, der Schwerpunkt befindet sich im Großraum Wien. Aber auch Oberösterreich ist längst ein bedeutender Standort: Laut Austrian Data Center Association (ADCA) befinden sich hier mehr als ein Dutzend Anlagen, großteils betrieben von österreichischen Unternehmen, die österreichische Rechenzentrumskapazität könnte sich laut Schätzungen bis 2030 verdoppeln.

„Ganz Oberösterreich verbrauchte 2024 rund 14 TWh Strom. Ein einziges voll ausgelastetes Rechenzentrum dieser Größenordnung könnte damit rechnerisch in eine Größenordnung von fast einem Drittel des heutigen oberösterreichischen Stromverbrauchs kommen.“

Kronstorf zeigt, welche Dimensionen auf uns zukommen
Das mit Abstand größte Rechenzentrum Oberösterreichs entsteht derzeit in Kronstorf im Bezirk Linz-Land. Google will die Anlage 2027 in Betrieb nehmen. Die Dimensionen sind enorm: Zunächst ist eine Anschlussleistung von rund 150 Megawatt vorgesehen, ein späterer Ausbau könnte bis zu 500 MW ermöglichen.

Bei 150 MW könnte der Jahresstrombedarf rechnerisch bis zu rund 1,3 Terawattstunden erreichen. Bei einem Vollausbau auf 500 MW wären theoretisch sogar rund 4,4 TWh pro Jahr möglich. Zum Vergleich: Ganz Oberösterreich verbrauchte 2024 rund 14 TWh Strom. Ein einziges voll ausgelastetes Rechenzentrum dieser Größenordnung könnte damit rechnerisch in eine Größenordnung von fast einem Drittel des heutigen oberösterreichischen Stromverbrauchs kommen.

Hinzu kommt der Wasserbedarf für die Kühlung. Für Kronstorf wurden eine maximale Wasserentnahme von rund 203 Litern pro Sekunde und ein Jahreslimit von rund 5,55 Milliarden Litern genehmigt. Dem stehen laut Google lediglich und 100 direkte Arbeitsplätze im laufenden Betrieb gegenüber. Natürlich entstehen zusätzlich erhebliche Aufträge während der Bauphase und indirekte wirtschaftliche Effekte, die teils aber nicht klar definiert werden können.

Microsoft investiert eine Milliarde – weitere Giganten könnten folgen
Auch rund um Wien wird massiv investiert. Microsoft steckt etwa eine Milliarde Euro in drei Rechenzentrumsstandorte in der Region. Und weitere Großprojekte stehen im Raum. Im burgenländischen Nickelsdorf wird über ein Rechenzentrum in einer Größenordnung diskutiert, die mit Kronstorf vergleichbar sein könnte. Konkrete Umsetzungsschritte stehen dort allerdings noch aus. Offen bleibt: Wie viele dieser Großverbraucher verträgt Österreich – und wo sollen sie stehen?

Denn Rechenzentren konkurrieren nicht einfach um Grundstücke. Sie benötigen enorme elektrische Anschlussleistungen. Gleichzeitig soll Österreich seine Industrie elektrifizieren, fossile Heizungen ersetzen, Elektromobilität ausbauen und insgesamt wesentlich mehr Strom aus erneuerbaren Quellen nutzen. Strom und vor allem leistungsfähige Stromnetze werden damit zunehmend zum strategischen Standortfaktor.

Bundesländer beginnen bereits, eigene Regeln aufzustellen
Weil ein bundesweiter Rahmen bislang fehlt, preschen inzwischen einzelne Bundesländer vor. Niederösterreich hat für große Rechenzentren eine eigene Landes-Standortverordnung eingeführt. Gemeinden können entsprechende Flächen nicht mehr völlig eigenständig widmen. Das Land prüft den Standort und muss zustimmen. Neue Großprojekte sollen insbesondere dort entstehen, wo ausreichend leistungsfähige Stromnetze vorhanden sind.

Das Burgenland geht mit einem Zehnpunkteprogramm noch weiter. Vorgesehen sind unter anderem der Betrieb mit grünem Strom, Grenzen beim Wasserverbrauch sowie Vorgaben zur Nutzung der entstehenden Abwärme – beispielsweise für Haushalte, Betriebe oder Landwirtschaft. Heißt: Ein global agierender Konzern kann in Österreich je nach Bundesland auf unterschiedliche Regeln treffen.

„Klare verbindliche Regeln oder Vorgaben? Fehlanzeige.“

Und Oberösterreich?
Oberösterreich ist Österreichs bedeutendster Industriestandort und benötigt für die Transformation seiner Industrie selbst gewaltige zusätzliche Strommengen und Netzkapazitäten. Gleichzeitig steht mit Kronstorf ausgerechnet hier eines der größten Rechenzentrumsprojekte Österreichs. Klare verbindliche Regeln oder Vorgaben? Fehlanzeige. Wie schnell Rechenzentren für ein gesamtes Stromsystem relevant werden können, zeigt Irland.

Dort stieg ihr Anteil am nationalen Stromverbrauch von fünf Prozent im Jahr 2015 auf rund 22 Prozent im Jahr 2024. Bis 2034 könnte er laut Prognosen der Netzbetreiber auf rund 31 Prozent steigen. Irland hat deshalb die Spielregeln verschärft. Neue Rechenzentren müssen bei Netzanschlüssen zusätzliche Erzeugungs- beziehungsweise Speicherkapazitäten berücksichtigen und einen großen Teil ihres Strombedarfs durch zusätzliche erneuerbare Stromproduktion abdecken. Auch vorhandene Netzengpässe spielen bei neuen Anschlüssen eine Rolle.

Auch die Niederlande haben reagiert. Besonders große Hyperscale-Rechenzentren dürfen grundsätzlich nur noch in bestimmten dafür vorgesehenen Gebieten entstehen. Berücksichtigt werden dabei unter anderem Energiebedarf, Wasser, Flächenverbrauch und Auswirkungen auf die Strominfrastruktur. Deutschland hat ebenfalls eine nationale Rechenzentrumsstrategie beschlossen und verbindet darin den gewünschten Ausbau der digitalen Infrastruktur mit Fragen von Energieeffizienz, Flächen und Standortplanung.

„Österreich klare Antworten: Wo dürfen solche Anlagen entstehen? Wie viel Netzkapazität darf ein einzelnes Projekt beanspruchen? Müssen Betreiber zusätzliche erneuerbare Kraftwerke oder Speicher finanzieren? Wie viel Wasser darf für Kühlung verwendet werden? Wann muss Abwärme genutzt werden?“

Wer bekommt künftig Österreichs Strom?
Rechenzentren sind nicht grundsätzlich schlecht. Im Gegenteil: Österreich benötigt digitale Infrastruktur, Cloud-Kapazitäten und Rechenleistung. Ohne Rechenzentren funktionieren weder moderne Industrie noch KI, Verwaltung oder zahlreiche alltägliche digitale Dienste. Aber ein Hyperscale-Rechenzentrum mit mehreren hundert Megawatt Anschlussleistung ist eben auch kein gewöhnliches Gewerbeprojekt.

MFG-Landesparteiobmann Joachim Aigner: „Technologie ja – Blankoscheck nein.“

Deshalb braucht Österreich klare Antworten: Wo dürfen solche Anlagen entstehen? Wie viel Netzkapazität darf ein einzelnes Projekt beanspruchen? Müssen Betreiber zusätzliche erneuerbare Kraftwerke oder Speicher finanzieren? Wie viel Wasser darf für Kühlung verwendet werden? Wann muss Abwärme genutzt werden? Sollen Industriebrachen Vorrang vor neuen Grünflächen haben? Und ab welcher Größenordnung muss eine umfassende Umweltprüfung verpflichtend sein? Vor allem aber muss die volkswirtschaftliche Rechnung stimmen.

MFG fordert volle Kostenwahrheit: „Technologie ja – Blankoscheck nein“
Die heimischen Parteien verhalten sich in Sachen Rechenzentren fast schon auffällig ruhig. Besonders kritisch positioniert sich MFG-Landesparteiobmann Joachim Aigner. Er stellt nicht Rechenzentren oder Digitalisierung grundsätzlich infrage, fordert beim Google-Projekt in Kronstorf aber volle Kostenwahrheit und wesentlich mehr Transparenz. Seine Kritik richtet sich vor allem gegen die Dimension des möglichen Vollausbaus: bis zu 500 MW Anschlussleistung, theoretisch bis zu 4,4 TWh Stromverbrauch jährlich, Milliarden Liter Wasser und rund 50 Hektar Fläche. Aigner verlangt unter anderem eine vollständige Energiebilanz, die Offenlegung der Kosten für notwendige Netzausbauten, laufend veröffentlichte Wasser- und Grundwasserdaten sowie klare Haftungs- und Rückbauregelungen.

Seine Linie: „Technologie ja – Blankoscheck nein.“ Google solle investieren dürfen, projektbezogene Infrastruktur- und Folgekosten dürften nach Ansicht der MFG aber nicht bei Stromkunden oder Steuerzahlern landen. Auch müsse transparent gemacht werden, welche Wertschöpfung und Steuerleistung tatsächlich in Österreich verbleiben. Aigner fordert deshalb eine Neubewertung des Gesamtprojekts unter Berücksichtigung des inzwischen beantragten Vollausbaus und der stark gestiegenen Bedeutung energieintensiver KI-Rechenzentren.

Titelfoto: Symbolfoto KI-generiert