Geschlossene Geschäfte, zehntausende Paar Schuhe in den Lagern und Corona-Kredite, deren Rückzahlung bis heute belastet: Waldviertler-Gründer Heini Staudinger schildert im Gespräch mit MFG-Landtagsabgeordneter Dagmar Häusler, wie tief die Lockdowns sein Unternehmen getroffen haben. Gleichzeitig warnt der „Schuh-Rebell“ vor einer weiteren Abwanderung der Produktion aus Europa. Sein Credo: „Global denken, regional handeln.“

Vor Corona sei sein Unternehmen wirtschaftlich kerngesund gewesen, erzählt Heini Staudinger. Dann hätten die Lockdowns den Schuhhersteller mit voller Wucht getroffen. „Wir haben mit Corona einen riesen, riesen Dämpfer gekriegt“, erinnert sich der Unternehmer. Zunächst habe man darauf vertraut, dass sich die Situation wieder normalisieren werde, und auch Corona-Kredite aufgenommen. Die erwartete Erholung sei allerdings ausgeblieben. 

Zehntausende Paar Schuhe – aber die Geschäfte waren zu
Das Problem: Die Schuhe waren bereits produziert und lagen in den Geschäften und Lagern, während der stationäre Handel geschlossen war. „Wir haben zehntausende Paar Schuhe in unseren Läden gehabt und dann sind wir gestraft worden mit dem verdammten Lockdown“, schildert Staudinger drastisch.

„So blind kann man gar nicht sein, dass man es nicht sieht: Diese globale Wirtschaft zerstört die Strukturen in der ganzen Welt.“

Zwar seien während der Lockdowns die Online-Umsätze kräftig gestiegen. Nach der Wiedereröffnung habe sich dieses Bild jedoch verändert: Das Online-Geschäft ging wieder zurück, die stationären Geschäfte erreichten gleichzeitig nicht mehr das frühere Niveau. Staudingers ernüchternde Bilanz Jahre später: „Darum strampeln wir noch immer.“

Auch die Rückzahlung der aufgenommenen Corona-Kredite bereite dem Unternehmen nach Staudingers Darstellung erhebliche Schwierigkeiten. Entscheidend sei daher, weiterhin genügend Kunden zu finden, die bewusst heimische Produktion, langlebige Qualität und reparierbare Produkte nachfragen. 

Während Corona keinen Mitarbeiter gekündigt
Bemerkenswert ist, welchen Weg das Unternehmen während der Pandemie beim Personal einschlug. Geschäftsführer Paul schildert im Gespräch, dass man zunächst Kurzarbeit beantragt habe. Das erklärte Ziel sei jedoch gewesen, keinen Mitarbeiter während der Corona-Zeit zu entlassen.

Schließlich setzte das Unternehmen auf die sogenannte Qualifizierungsförderung. Produktionsmitarbeiter wurden in Lean-Management und neuen Produktionsmethoden geschult. Die Förderung übernahm laut Geschäftsführer einen Teil der Lohn- und Kurskosten. „Somit haben wir während Corona keinen einzigen Mitarbeiter entlassen müssen.“ Als später dennoch fünf Stellen abgebaut werden mussten, habe man für alle fünf Betroffenen neue Arbeitsplätze gesucht – nach Angaben des Geschäftsführers mit gleicher Arbeitszeit und gleichem Lohn. 

„1994 gab es in Österreich noch Schuhbetriebe mit Tausenden Beschäftigten. Jetzt sind wir mit ungefähr 35 Leuten in der Werkstatt der größte schuhproduzierende Betrieb Österreichs. So wird alles kaputt.“

Von Tausenden Beschäftigten zu 35 Schuhmachern
Staudinger verbindet die Erfahrungen aus der Pandemie mit einer grundsätzlichen Kritik an der Entwicklung des Produktionsstandorts Österreich. Als er 1994 begonnen habe, hätten große Schuhproduzenten noch Tausende Menschen in Österreich beschäftigt. Er nennt unter anderem Gabor mit rund 2.000, Ara mit 1.500 und Högl mit 1.000 Beschäftigten. Heute sei Waldviertler mit gerade einmal rund 35 Mitarbeitern in der Werkstatt bereits der größte schuhproduzierende Betrieb Österreichs, so Staudinger. 

Als einen Grund sieht er die unterschiedlichen Kostenstrukturen. Bei einem in Österreich produzierten Schuh um 180 Euro entfielen nach seiner Rechnung rund 80 Euro auf staatlich bedingte Abgaben beziehungsweise die „Staatsquote“. Billigimporte aus China würden hingegen mit wesentlich geringerer Abgabenbelastung auf den europäischen Markt gelangen. 

„Global denken, regional handeln“
Dabei sieht sich Staudinger keineswegs als Gegner der Globalisierung. „Seit meiner Jugend haben wir gesagt: global denken, regional handeln“, sagt er. An diesem Grundsatz halte er bis heute fest. Seine Kritik richtet sich vielmehr gegen eine globale Wirtschaftsordnung, die seiner Ansicht nach regionale Produktionsstrukturen zerstört. 

Besonders gefährdet sieht er neben der Produktion auch den stationären Handel. Geschäfte seien ein wesentlicher Bestandteil lebendiger Orts- und Stadtzentren. Gleichzeitig konkurrierten sie mit milliardenschweren Warenströmen aus China, für die aus Staudingers Sicht nicht dieselben Belastungen anfielen wie für heimische Betriebe. 

Seine Forderung ist daher klar: Die Rahmenbedingungen müssten sich ändern. Denn die Verlagerung von Unternehmen und Arbeitsplätzen ins Ausland sei seiner Einschätzung nach „bei Weitem nicht abgeschlossen“.