Selbstreflexion scheint (auch) seine Stärke nicht zu sein: Der grüne Ex-Gesundheitsminister Rudolf Anschober bescheinigt sich im OÖN-Interview selbst eine politische Courage von „acht bis neun von zehn Punkten“. Gleichzeitig wirbt er für mehr Zuversicht in der Politik und eine Aufarbeitung der Corona-Pandemie.

Kritisch betrachtet wirkt das Interview eher wie eine nachträgliche Selbstvergewisserung. Anschober spricht ausführlich über Mut, Werte und Optimismus, verliert aber so gut wie keine Worte über die Versäumnisse seiner Amtszeit als Gesundheitsminister. Die chaotische Kommunikation während der Pandemie, rechtliche Pannen bei Verordnungen und organisatorische Überforderungen im Ministerium werden lediglich am Rande erwähnt. Selbst seine Fehlerbeschreibung bleibt bemerkenswert defensiv: Zu wenig Personal in der Rechtsabteilung und die fehlende Unterstützung der FPÖ seien seine einzigen Versäumnisse gewesen.

„Das OÖN-Interview vermittelt vor allem das Bild eines Politikers, der seine Rolle in der Krise deutlich positiver bewertet als viele Bürger, die die Pandemiepolitik damals erlebt haben.“

Während Anschober heute mehr politische Courage einfordert, bleibt die Frage offen, warum es ihm als Gesundheitsminister nicht gelang, die offensichtlichen Schwächen seines Ressorts nachhaltig zu beheben. Das OÖN-Interview vermittelt vor allem das Bild eines Politikers, der seine Rolle in der Krise deutlich positiver bewertet als viele Bürger, die die Pandemiepolitik damals erlebt haben. Etwas mehr Selbstkritik könnte dem Ex-Minister, der jetzt mit dem Schreiben von Büchern und Vorträgen über die Corona-Zeit dicke Kasse macht, dann doch einfallen. Aber da kommt leider (immer noch) nix.

Kommentar
Eigentlich unglaublich frech und respektlos: Da lobt sich ein latent erfolgloser Gesundheitsminister selbst in lichte Höhen (auf acht bis neun Punkte auf einer Zehnerskala), obwohl er nicht nur während der Corona-Zeit wenig Brauchbares zusammengebracht hat – ja mehr noch, der enormen Schaden angerichtet und leider auch Menschenleben auf dem Gewissen hat. Aber statt sich zumindest offen und aufrichtig zu entschuldigen, klopft er sich auch noch selbst auf die Schulter und findet eigentlich eh alles super, wie es so gelaufen ist.

„Es ist nicht gelungen, das Tempo, das in der Pandemie nötig gewesen wäre, etwa beim Personal in der Rechtsabteilung, so schnell zu erreichen, wie es nötig gewesen wäre. Und es ist mir auch nicht gelungen, die FPÖ im Boot zu halten. Das war am Beginn anders, dann ist Parteipolitisierung passiert“ – mehr an persönlicher „Aufarbeitung“ der Corona-Zeit fällt Anschober nicht ein. Bescheiden, beschämend.

Dass Rudi „Die nächsten zwei Wochen werden entscheidend sein“ Anschober jetzt auch noch Geld mit seinen Corona-Büchern und Vorträgen verdient, passt gut ins Bild. In der linken Reichshälfte (und nicht nur dort) gibt es gar nicht wenige Leute, die sich Anschober als Nachfolger von Bundespräsident Alexander van der Bellen wünschen. Wie wir das einordnen? Na auf acht bis neun von zehn Punkten auf der politischen No Go-Skala.

Bilder: ueberreuter, zsolnay, brandstetter