989 Hitzetote im Jahr 2024, weitere 449 im Jahr 2025 und alleine im Juni 2026 bereits 395: Die Zahlen der Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES) klingen dramatisch. Was in vielen Schlagzeilen allerdings untergeht: Diese Menschen werden nicht als konkrete „Hitzetote“ gezählt. Die Zahlen entstehen durch statistische Modellrechnungen. Und wie sehr das Ergebnis von der Berechnungsmethode abhängt, zeigt ausgerechnet die AGES selbst: Nachdem das Modell verändert wurde, fallen die Zahlen nun deutlich höher aus als zuvor.
Hitze kann zweifellos tödlich sein. Ein Hitzschlag, extreme Dehydrierung oder eine zusätzliche Belastung des Herz-Kreislauf-Systems können insbesondere für ältere und schwer kranke Menschen lebensgefährlich werden. Die spannende Frage lautet aber: Was bedeutet es eigentlich, wenn von beispielsweise „989 Hitzetoten“ die Rede ist? Das österreichische Gesundheitsministerium stellte auf eine parlamentarische Anfrage der FPÖ aus dem Jahr 2024 ausdrücklich klar:
Übersterblichkeit ist keine direkte Beobachtung, sondern eine statistische Schätzung. Aus dieser statistischen Schätzung werden in der öffentlichen Kommunikation dann allerdings schnell „Hitzetote“.
Das Hitze-Mortalitätsmonitoring ist demnach lediglich „ein statistisches Modell und basiert nicht auf Einzelfallbeobachtungen“. Es gab und gibt also keine Liste von beispielsweise 989 Menschen, bei denen ein Arzt festgestellt hätte: Todesursache Hitze. Das Modell untersucht vielmehr, wie viele Menschen tatsächlich sterben und wie viele Todesfälle ohne entsprechende Hitzebelastung statistisch zu erwarten gewesen wären. Daraus wird die sogenannte hitzeassoziierte Übersterblichkeit errechnet. Oder anders gesagt: Jede Menge heiße Luft.
Auch die wissenschaftliche Beschreibung des Verfahrens stellt ausdrücklich fest: „Übersterblichkeit ist dabei keine direkte Beobachtung, sondern eine statistische Schätzung.“ Aus dieser statistischen Schätzung werden in der öffentlichen Kommunikation dann allerdings schnell „Hitzetote“.
Die alten AGES-Zahlen zeigen enorme Schwankungen
Nach dem früher verwendeten AGES-Modell ergab sich folgende geschätzte hitzeassoziierte Übersterblichkeit:
2016: 0 Hitzetote
95-%-Konfidenzintervall: –73 bis +73
2017: 375 Hitzetote
95-%-Konfidenzintervall: 245 bis 505
2018: 550 Hitzetote
95-%-Konfidenzintervall: 295 bis 806
2019: 198 Hitzetote
95-%-Konfidenzintervall: –41 bis 438
2020: 0 Hitzetote
95-%-Konfidenzintervall: –45 bis +45
2021: 227 Hitzetote
95-%-Konfidenzintervall: –10 bis 464
2022: 231 Hitzetote
95-%-Konfidenzintervall: –31 bis 493
2023: Für 2023 wurden nach dem damaligen Verfahren lediglich 53 hitzeassoziierte Todesfälle geschätzt.
Alleine diese Zahlen zeigen, wie vorsichtig man mit scheinbar punktgenauen Angaben umgehen sollte. Besonders bemerkenswert sind die oben angegebenen Konfidenzintervalle (das ist eine statistische Unsicherheitsspanne rund um einen geschätzten Wert. Für 2022 lautete die zentrale Schätzung wie erwähn 231 Hitzetote – die statistische Bandbreite reichte jedoch von minus 31 bis plus 493.
2024 wurde das Modell geändert – und die Zahlen stiegen
Besonders interessant wird die Geschichte ab 2024: Die AGES hat ihr Hitze-Mortalitätsmonitoring inzwischen überarbeitet. Das neue Modell berücksichtigt unter anderem verzögerte gesundheitliche Auswirkungen von Hitze und soll dadurch international besser vergleichbar sein. Und plötzlich fallen die Schätzungen deutlich höher aus.
- Für den Sommer 2024 errechnet das neue Modell 989 hitzebedingte Todesfälle.
- Für 2025 sind es 449.
- Und für Juni 2026 wurde erstmals bereits während des Sommers eine Zwischenauswertung vorgenommen: 395 geschätzte hitzeassoziierte Todesfälle alleine in diesem Monat.
Das zeigt, dass die Zahl der „Hitzetoten“ hängt wesentlich davon ab, welches statistische Modell verwendet wird. Ändert sich das Modell, verändert sich auch die Zahl der „Toten“.
53 oder 486 Hitzetote im selben Jahr?
Wie stark unterschiedliche wissenschaftliche Modelle voneinander abweichen können, zeigt das Jahr 2023 besonders eindrucksvoll. Die AGES kam damals auf 53 geschätzte Hitzetote in Österreich. Eine internationale Forschungsgruppe errechnete für Österreich für dasselbe Jahr hingegen rund 486 hitzebedingte Todesfälle. Die zweite Schätzung ist damit mehr als neunmal so hoch wie die damalige AGES-Zahl. Spätestens hier sollte klar sein, warum der Begriff „Hitzetote“ mit Vorsicht verwendet werden muss.
Ein Verkehrstoter ist etwas völlig anderes
Zum Vergleich: Wenn Österreich für ein Jahr beispielsweise 350 Verkehrstote ausweist, handelt es sich um tatsächlich registrierte Personen, die infolge von Verkehrsunfällen ums Leben gekommen sind. Bei 989 „Hitzetoten“ handelt es sich dagegen um eine modellierte Schätzung eines statistischen Zusammenhangs zwischen Temperatur und Sterblichkeit. Beides einfach nebeneinanderzustellen – etwa mit der Aussage, es gebe „dreimal so viele Hitzetote wie Verkehrstote“ – ist daher zumindest erklärungsbedürftig, denn man vergleicht eine statistisch geschätzte Größe mit einer gezählten Zahl konkreter Todesfälle.
Was steht tatsächlich auf dem Totenschein?
Natürlich gibt es auch unmittelbar durch Hitze verursachte Todesfälle. Im internationalen ICD-10-Katalog existieren dafür sogar eigene Diagnosen, beispielsweise T67.0 für Hitzschlag und Sonnenstich. Das Gesundheitsministerium weist allerdings selbst darauf hin, warum die statistische Modellierung eingesetzt wird: Hitze kann bestehende Herz-Kreislauf-, Atemwegs-, neurologische oder Nierenerkrankungen verschlechtern, ohne auf dem Totenschein als primäre Todesursache aufzuscheinen.
Déjà-vu: Die alte Debatte um „an oder mit Corona“
Erinnern Sie sich? Die Diskussion erinnert frappierend an die Corona-Jahre. Auch damals wurden täglich sehr konkrete Todeszahlen präsentiert – obwohl die Frage, ob ein Mensch tatsächlich „an“ oder lediglich „mit“ Corona verstorben war, in der laufenden Fallstatistik nicht immer unterschieden wurde. Das österreichische Gesundheitsportal beschreibt die damalige Berechnung der Fallsterblichkeit bemerkenswert deutlich: Einbezogen wurden alle verstorbenen Personen, die zuvor positiv auf SARS-CoV-2 getestet worden waren – unabhängig davon, ob sie direkt an den Folgen von COVID-19 oder möglicherweise an einer anderen Todesursache verstorben waren. Auch bei späteren Nachmeldungen galt laut AGES eine entsprechende Falldefinition: Ein laborbestätigter COVID-Fall mit Ausgang Tod wurde als COVID-Todesfall geführt, sofern zwischen Erkrankung und Tod nicht der Status „genesen“ vorgelegen hatte.
„Was wurde tatsächlich medizinisch festgestellt – und was wurde aufgrund statistischer Definitionen oder Modelle einer bestimmten Ursache zugerechnet? Wer aus statistischen Schätzungen exakte Opferzahlen macht, will mit der Angst der Menschen Politik machen und bewusst eine Agenda umsetzen.“
MFG: Angstmache, um Klima-Agenda durchzudrücken?
Auch für die oö. Landtagspartei MFG erinnert die aktuelle Diskussion um „Hitzetote“ stark an die Corona-Jahre. Bereits damals stellte MFG immer wieder die Frage, wie viele Menschen tatsächlich „an“ und wie viele lediglich „mit“ Corona verstorben waren – und kritisierte, dass diese Unterscheidung in der laufenden offiziellen COVID-Fallstatistik nicht entsprechend abgebildet wurde. MFG OÖ-Landesparteiobmann Joachim Aigner: „Eine scheinbar eindeutige Zahl kann in der öffentlichen Wahrnehmung etwas ganz anderes vermitteln, als die zugrunde liegende Statistik tatsächlich aussagt. Genau deshalb fordern wir nun auch bei den „Hitzetoten“ maximale Transparenz: Was wurde tatsächlich medizinisch festgestellt – und was wurde aufgrund statistischer Definitionen oder Modelle einer bestimmten Ursache zugerechnet? Wer aus statistischen Schätzungen exakte Opferzahlen macht, will mit der Angst der Menschen Politik machen und bewusst eine Agenda umsetzen.“



