Prognosen sind schwierig – besonders wenn sie die Zukunft betreffen. Beim Wirtschaftsforschungsinstitut WIFO bekommt dieser alte Spruch allerdings eine besondere Bedeutung: Österreichs Wirtschaft wurde in den vergangenen Jahren wiederholt deutlich zu positiv eingeschätzt und hochgejubelt. Der angekündigte Aufschwung blieb aus – und wurde einfach immer weiter nach hinten verschoben. Da und dort wird gemunkelt, die positiven Prognosen sind politisch „bestellt“…
Ende 2022 etwa prognostizierte das WIFO für 2023 ein reales BIP-Wachstum von 0,3 Prozent, für 2024 sogar +1,8 Prozent. Noch im März 2023 lautete die optimistische Überschrift: „Konjunkturbelebung ab dem 2. Halbjahr 2023“. Die Realität sah anders aus: Österreichs Wirtschaft schrumpfte 2023 um 0,8 Prozent. Statt Wachstum kam die Rezession. Doch der Aufschwung war damit nicht abgesagt – er wurde verschoben, zumindest lauf WIFO.
Aus +1,8 wurden −0,7 Prozent
Ende 2023 rechnete das WIFO für 2024 noch immer mit +0,9 Prozent Wachstum. Die neue Überschrift lautete nun: „Konjunkturerholung verzögert sich“. Tatsächlich schrumpfte Österreichs Wirtschaft auch 2024 – um rund 0,7 Prozent.
Besonders bemerkenswert ist der Vergleich mit der ursprünglichen Prognose: Ende 2022 hatte das WIFO für 2024 noch +1,8 Prozent vorhergesagt. Zwischen dieser Erwartung und der Realität liegen damit rund 2,5 Prozentpunkte.
2025: Aus +2,0 wurden +0,6 Prozent
Auch für 2025 wiederholte sich das Muster. Ende 2023 prognostizierte das WIFO für 2025 kräftige +2,0 Prozent Wachstum. Im Oktober 2024 waren davon nur noch +1,0 Prozent übrig, im Dezember 2024 schließlich +0,6 Prozent. Diese letzte, stark reduzierte Prognose erwies sich schließlich als ziemlich treffsicher: Tatsächlich wuchs Österreichs Wirtschaft 2025 nach aktuellem Datenstand um nur rund 0,6 Prozent. Die ursprüngliche Erwartung eines kräftigen Aufschwungs hatte sich damit allerdings auch diesmal nicht erfüllt.
| Jahr | frühere WIFO-Prognose | Prognose unmittelbar vor dem Jahr | tatsächlich |
|---|---|---|---|
| 2023 | +0,3 % | +0,3 % | −0,8 % |
| 2024 | +1,8 % | +0,9 % | −0,7 % |
| 2025 | +2,0 % | +0,6 % | +0,6 % |
Positive Prognosen helfen auch der Politik
Dass Wachstumsprognosen zu positiv ausfallen, ist keineswegs nur eine akademische Frage. Denn positive Prognosen entfalten auch eine politische Wirkung – und die kommt naturgemäß der jeweils amtierenden Bundesregierung zugute. Die Botschaft „Nächstes Jahr kommt der Aufschwung“ klingt für eine Regierung wesentlich angenehmer als die Warnung vor einer weiteren Rezession. Sie vermittelt den Eindruck, die Talsohle sei erreicht, die gesetzten Maßnahmen würden greifen und die wirtschaftlichen Probleme seien bald überwunden.
Wie eng Wirtschaftsprognosen und politische Erfolgsmeldungen inzwischen miteinander verknüpft sind, zeigt die von Bundeskanzler Christian Stocker ausgegebene „2-1-0-Formel“: 2 Prozent Inflation, mindestens 1 Prozent Wirtschaftswachstum und null Toleranz gegenüber jenen, die die Gesellschaft gefährden. Im Oktober 2025 erklärte Stocker im Bundesrat ausdrücklich, Ziel sei „mindestens 1 Prozent Wirtschaftswachstum im nächsten Jahr“.
Im Jänner 2026 ging der Kanzler noch einen Schritt weiter und verkündete: „2026 wird das Jahr des Aufschwungs für Österreich.“ Im März verwies Stocker dann auf die WIFO-Prognose von +1,2 Prozent für 2026 und erklärte, Österreich liege damit beim Wachstum wieder im Durchschnitt der Eurozone. Die besseren Prognosen wurden gleichzeitig mit Regierungsmaßnahmen wie Investitionsfreibetrag, Entbürokratisierung und Industriestrategie in Verbindung gebracht.



