Warum das Klimamodell RCP8.5 mit dem Horrorszenario von 5 Grad mehr bis ins Jahr 2100 stillschweigend zurückgestuft wurde – und die Weltverkochung auch in Oberösterreich wohl nicht auf sich warten lassen muss.
Über Jahre galt es als die ultimative Warnung der Klimaforschung: das Szenario „RCP8.5“. Kaum ein politischer Bericht, kaum eine Schlagzeile über Hitzetod, Dürren oder den Untergang ganzer Küstenregionen kam ohne diese Zahl aus. RCP8.5 stand für eine Welt mit explodierenden Emissionen, massivem Kohleverbrauch und bis zu fünf Grad Erderwärmung bis zum Ende des Jahrhunderts.
Nun aber vollzieht der Weltklimarat IPCC eine bemerkenswerte Kurskorrektur. Das Szenario wird in der kommenden Modellgeneration CMIP7 nicht mehr als realistischer „Business-as-usual“-Pfad behandelt, sondern zunehmend als extrem unwahrscheinlicher Grenzfall.
Die Revision ist brisant – denn RCP8.5 war nicht irgendein Rechenmodell. Es bildete die Grundlage für tausende wissenschaftliche Studien, politische Risikoanalysen und milliardenschwere Investitionsentscheidungen. Kritiker werfen dem IPCC nun vor, jahrelang mit einem überzeichneten Katastrophenszenario gearbeitet zu haben.
Ein Szenario aus einer anderen Zeit
Als RCP8.5 Ende der 2000er Jahre entwickelt wurde, erschien eine Welt mit ständig steigenden Emissionen durchaus plausibel. Das Modell ging von enormem Bevölkerungswachstum, schwacher technologischer Entwicklung und einer massiven Renaissance der Kohle aus.
Doch genau diese Annahmen gelten heute als fragwürdig. Die Kosten für Solar- und Windenergie sind drastisch gefallen, viele Staaten haben Klimapolitiken eingeführt, und selbst große Schwellenländer investieren inzwischen massiv in erneuerbare Energien. Der globale Kohleverbrauch steigt längst nicht mehr in jener Geschwindigkeit, die RCP8.5 voraussetzte.
Man hat mit maximalen Bedrohungsszenarien gearbeitet, um politischen Druck aufzubauen. Tatsächlich wurden viele spektakuläre Prognosen der vergangenen Jahre direkt aus RCP8.5 abgeleitet – von nahezu unbewohnbaren Regionen bis hin zu globalen Zusammenbruchsszenarien.
Nicht nur kritische Geister kritisierten deshalb seit Jahren, dass Medien und Politik das Szenario fälschlicherweise als „wahrscheinlichste Zukunft“ darstellten, obwohl es ursprünglich nur als obere Extremgrenze gedacht war.
Wissenschaft oder Dramatisierung?
Die Debatte berührt einen empfindlichen Punkt: Wie weit darf Wissenschaft zuspitzen, um politische Aufmerksamkeit zu erzeugen Befürworter von RCP8.5 argumentieren, dass Extremmodelle notwendig seien, um Risiken sichtbar zu machen. Selbst unwahrscheinliche Entwicklungen könnten gravierende Folgen haben und müssten deshalb untersucht werden. Einige Forscher warnen zudem davor, die Revision als Entwarnung misszuverstehen. Der Klimawandel bleibe real und gefährlich – auch ohne apokalyptische Projektionen.
Kritiker hingegen sehen im Rückzug des Modells eine späte Korrektur wissenschaftlicher Übertreibung. Der Vorwurf: Man hat mit maximalen Bedrohungsszenarien gearbeitet, um politischen Druck aufzubauen. Tatsächlich wurden viele spektakuläre Prognosen der vergangenen Jahre direkt aus RCP8.5 abgeleitet – von nahezu unbewohnbaren Regionen bis hin zu globalen Zusammenbruchsszenarien.
Der Vertrauensschaden bleibt
Der eigentliche Konflikt reicht jedoch tiefer als eine technische Modellfrage. Es geht um Vertrauen. Wenn ein Szenario über Jahre als Maßstab verwendet wird und später als „implausibel“ gilt, stellt sich zwangsläufig die Frage, wie robust andere Langfristprognosen wirklich sind. Der heurige Mai übrigens zeigt sich bislang österreichweit um 0,7 Grad kälter als das langjährige Mittel.
Der IPCC betont zwar, dass die neue Einordnung Ausdruck wissenschaftlicher Selbstkorrektur sei – also gerade ein Zeichen funktionierender Forschung. Fix ist: Die Klimaforschung verabschiedet sich leise von ihrem berühmtesten Weltuntergangsszenario. Und damit beginnt eine unbequeme Debatte darüber, wie Wissenschaft Unsicherheit kommunizieren sollte – besonders dann, wenn aus Modellen politische Wahrheiten werden.


